Als ich vor ein paar Tagen die Mail von „Berlin gegen Islamismus“ in meinem Postfach fand, war ich erstmal irritiert. Ich solle eine Rede über das Kopftuch halten, baten mich dort die Veranstalter, um den Umgang des Berliner Senats mit islamistischen Extremisten zu kritisieren. Das alles auch noch am Jahrestag des Attentats am Breitscheidplatz.

Ich dachte mir sofort: „Bitte nicht! Bitte nicht schon wieder eine Gruppe von Rechten, die meine Kritik am Kopftuch für ihren Islamhass missbrauchen will. Dann las ich mir jedoch den Aufruf durch und fand Argumente anstelle von Ressentiment, Fakten anstelle von Hetze. Ich war erleichtert und sagte zu.

Dabei steht meine reflexhafte Abneigung auf die Mail doch für sich. Offenbart sie doch ein Problem, das im Moment den politischen Diskurs in unserer Gesellschaft lahmlegt. Die panische Angst davor, ein Rassist zu sein oder Rechte zu unterstützen. Diese Angst ist auch berechtigt: Zog vor ein paar Monaten doch eine Partei ins Parlament, die offen fremdenfeindlich agiert, gegen Flüchtlinge hetzt und den Holocaust leugnet.

Bei manchen Menschen ist die Angst jedoch zur Neurose mutiert. Besonders moderne Feministen, fürchten sich davor als Rassisten abgestempelt zu werden. Ihre Furcht ist so groß, dass sie die Unterdrückung der Frau im Islam lieber totschweigen. Oder noch schlimmer: Zum kulturellen Gut erklären.

Das geschah zum Beispiel im Februar, als eine Delegation der schwedischen Regierung nach Iran reiste. In ein Land also, das Frauen seit Jahrzenten Bürgerrechte entzieht und zur Verschleierung zwingt. Tausende Frauen werden jährlich von der iranischen Moralpolizei schikaniert und verhaftet, weil sie den Hijab nicht richtig getragen haben.

Doch anstatt Präsident Hassan Rohani vor die Füße zu spucken und die iranischen Widerstandskämpferinnen zu unterstützen, zogen die Delegierten lieber ein Kopftuch über die Haare und lächelten demütig.

Hinter diesem obskuren Verhalten der Schwedinnen steckt der Glaube an einen Kulturrelativismus. Moralische Werte sind demnach von Land zu Land unterschiedlich. Und aus Respekt vor anderen Kulturen, so glauben manche, müsse man sich den Regeln und Verboten vor Ort anpassen

Diese Denkart ist auch den deutschen Feministen nicht fremd. So verharmloste vor kurzem Meredith Haaf in der SZ das Kopftuch bei kleinen Mädchen, auf dieselbe Weise: Indem sie es zum Kulturgut erklärte. Das „Kinderkopftuch“, so schrieb sie, sei genauso sexistisch wie das kapitalistisch-westliche Frauenbild, das 8-jährige Mädchen in Bikinis zwängen würde.

Dieser Vergleich hinkt aus einem einfachen Grund: Kein westlicher Staat, keine Kirche und kein christlicher Ehrencodex zwingt Mädchen und junge Frauen dazu, sich täglich seiner sexualisierten Kleidervorschrift zu unterwerfen. Ehrenmorde, Zwangsehen und Genitalverstümmelungen sind außerdem keine Probleme des Christentums oder des Westens. Es sind Probleme der islamischen Welt.

Doch das möchte der moderne Feminismus nicht gerne hören. Jede Kritik am islamischen Patriarchat befördern er mit dem Rassismus-Vorwurf ins argumentative Aus. Und das mit Erfolg: Kritische Institutionen wie „Terre des Femmes“ oder die „Emma“, die sich wirklich für die Frauen einsetzen, sind in akademischen Kreisen schon längst als „Rassisten“ verschrien.

Man könnte den kruden Relativismus der deutschen Feministinnen auch als Lappalie einer linken Bewegung abtun. In etwa so wie die wütenden Lila-Latzhosen aus den 80ern. Leider ist das Gegenteil der Fall. Denn das Infrage stellen von Menschenrechten ist an Universitäten schon längst Teil der Wissenschaft.

So gehen die Postcolonial Studies davon aus, dass die Erfindung der UN Menschenrechtscharta ein „neokoloniales und imperialistisches Projekt des Westens“ sei. Und auch die Islamwissenschaften sehen in der westlichen Freiheit eher eine Bedrohung als eine Errungenschaft. So erzählte die FU-Professorin Schirin Amir-Moazami kürzlich in einem Interview, dass der „liberale und säkulare Islam“ eine Erfindung des Westens sei, den man den Muslimen jetzt aufzwängen würde.

Solche Aussagen verunglimpfen nicht nur die Bemühungen von Menschen wie Seyran Ates, die mit Gewalt- und Morddrohungen kämpfen müssen, weil sie sich für einen liberalen Islam einsetzen. Solche Aussagen wehren auch jede Kritik an den eigenen Reihen ab, weil man sich als Opfer einer kapitalistischen Ausbeutung inszeniert. Ein Narrativ also, das auch gerne von islamistischen Extremisten verwendet wird.

Die FU-Dozentin Amir-Moazami ist nicht die einzige Akademikerin, die mit Narrativen von Extremisten sympathisiert. Denken wir doch nur an den Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, der vor kurzem noch an der Universität Oxford einen Lehrstuhl besetzte. Der Professor ist nicht nur für seine frauenverachtenden und antisemitischen Äußerungen bekannt. Er vergewaltigte anscheinend auch zwei Frauen, die ihn im Zuge der französischen #metoo-Kampagne wegen Vergewaltigung und schwerer Körperverletzung anzeigten.

Doch anstatt Tariq Ramadan zu beurlauben, verfing sich auch er Leiter des „Middle East Centers“ der Uni Oxford in dem islamistischen Opfer-Narrativ. In den Augen der Studenten seien die Vergewaltigungsvorwürfe „nur ein weiterer Versuch der Europäer, einen muslimischen Intellektuellen fertigzumachen“ sagte Eugene Rogan. Erst nach massiven Protest von Studierenden wurde der Schweizer Professor dann beurlaubt.

Ich bin jetzt fast am Ende meines Vortrages angelangt. Und obwohl ich fest von meinen Argumenten überzeugt bin, hallen die Stimmen der Queerfeministen in meinen Ohren. Sie schreien: „Das darfst du nicht sagen! Das ist rassistisch! Damit spielst du den Rechten in die Hände!“ 

Zumindest für heute kann ich mir sicher sein: Was für ein Nonsens! Natürlich darf ich das sagen. Denn nur, weil ich Extremisten kritisiere, heißt das doch nicht, das ich eine ganze Religion verteufle oder zum Fremdenhass aufrufe.

Es ist doch die Herausforderung unserer Zeit, sich nicht von Hass, Angst und Ressentiment leiten zu lassen, sondern auf Argumente zu hören, selbst nachzudenken und Dinge differenziert zu betrachten. 

Gerade jetzt, in Zeiten der Radikalisierung, ist es wichtig, dass der Islam aus der politischen Mitte heraus kritisiert wird. Wir dürfen diese Debatte einfach nicht länger den Rechten überlassen.