Dass in Berlin eines Tages das Gleiche passieren würde wie in Algier, das hätte ich nie gedacht, während der zehn Terrorjahre, die ich dort verbracht habe. Aber dass es hier in Berlin noch schlimmer kommen würde als in Algier, das ist mir bis heute unbegreiflich. Denn in Algier, wenn wir, die muslimischen Freunde und ich, uns jeweils auf dem Friedhof trafen, zur Beerdigung eines Terroropfers, dann sprachen wir auch über den Islam, über seinen Obskurantismus und seinen Fanatismus. Deren Opfer alles Aufgeklärte im Land war in Algerien – sei es muslimische Aufklärung oder nicht-muslimische Aufklärung. Dann fragten wir uns gemeinsam, wie es zu dieser furchtbaren Entwicklung im Islam hatte kommen können. Doch in Berlin werden diese Fragen nicht gestellt beim offiziellen Gedenken. Und das Bedrückendste ist, wo immer diese Fragen sonst wo gestellt werden, da und dort in Deutschland, werden sie als islamophob diffamiert. Was in Algerien eine Theologiepolizei im Namen des Staatsislam besorgte, das besorgen hierzulande die Erben der Aufklärung: Linke, Grüne und Sozialdemokraten.

Das ist noch erschreckender als der islamistische Terror, weil es diesen Terror fördert, indem es ihn geistig unbehelligt lässt. Der Islamismus hängt für diese Leute irgendwo im Nirgendwo, wo er ideologisch unfassbar ist und von wo er immer wieder plötzlich zuschlägt. So geht das seit sechzehn Jahren – seit 9/11. Obwohl dieser Terror im Namen des Islam die sogenannte erste wie sogenannte dritte Welt gleichermaßen trifft, Frankreich wie Nigeria, Mauretanien, Burkina Faso, Casablanca wie Berlin. Was da geschieht hat der tunesisch stämmige Psychoanalytiker Fethi Benslama in folgende Worte gefasst: „Im Namen des Islam, lautet derzeitig die makabre Anrufung, die wahnsinnige Litanei, die sich eine absolute Zerstörungsmacht genehmigt, sie verschont weder das Leben noch die Institutionen, noch die Kunst, noch das Wort. Ein solches, im Namen des Islam, das so viel Verwüstung ausstrahlt, können wir mehr für einen Zufall halten. Das im Lauf der Geschichte unter anderen Bezeichnungen, die sich gleichfalls als Heilsbringer verstanden – Christentum, Kommunismus, Kolonialreiche usw. – unsägliche Ausschreitungen erlaubt und vollbracht wurden, ist dabei von keinerlei Trost. Zu allererst müssen wir uns fragen, wie die Presche entstanden ist, die im Bereich des Islam, wohlgemerkt nicht des Islamismus, die im Bereich des Islam einen solch hoffnungslosen Willen zur Zerstörung und zur Selbstzerstörung freigesetzt hat.“

Das, was Fethi Benslama sagt, ist noch keine Todesfuge  für den Tod im Namen des Islam. Wohl aber sind das Worte, die über alles hinausgehen, was man hierzulande jemals zum Tod im Namen des Islam hat hören können, nämlich: nichts. Hat der Tod im Namen des Islam doch hierzulande nichts mit dem Islam zu tun – auch der Tod am Breitscheidplatz nicht. Alles fliegt in Stücke, nur der Islam bleibt heil. Alles fliegt in Stücke, nur der Islam bleibt heil, so lautet das Islamrettungsspektakel – das deutsche – das seit 9/11 aufgeführt wird und bei dem Politiker auf der Bühne stehen und die kirchlichen Würdenträger. Alles fliegt in Stücke, denn der Islam ist krank, lautet dagegen die Diagnose der gesamten muslimischen Aufklärung. 

„Manche Erben der Aufklärung sind blind für die Aufklärung der Anderen“ hat Fethi Benslama diese Arroganz kommentiert. „Zur Krankheit des Islam“ aber schrieb der tunesische Islamaufklärer Abdelwahab Meddeb: „Wenn der Fanatismus die Krankheit des Katholizismus und der Nazismus die deutsche Krankheit darstellen, dann ist im Fundamentalismus zweifellos die islamische Krankheit zu sehen.“ Nicht die islamistische, die islamische Krankheit sagt er und weiter: 

„Die Muslime müssen sich die Frage Islam und Gewalt stellen. Der Zusammenhang ist ein Faktum, in der Geschichte und in den Schriften. Wir haben es mit einem Propheten zu tun, der selber getötet hat und zum Töten aufgerufen hat.“ Doch Europas Politiker wollen den Islam nicht in Verantwortung genommen sehen. Das hat den Generalsekretär der größten Muslimvereinigung Indonesiens, Kyai Haji Yahya Cholil Staquf, dazu getrieben, diese europäischen Politiker aufzufordern, mit der Lüge, der Islam habe nichts mit dem Islamismus zu tun, endlich aufzuhören. In der FAZ erklärte er am 19. August diesen Jahres: „Die westlichen Politiker sollten aufhören zu erzählen, dass Fundamentalismus und Gewalt nichts mit dem traditionellen Islam zu tun haben. Das ist schlicht falsch.“ 

Seine Worte nutzten nichts. Dass der Islamismus mit dem Islam nichts zu tun habe, erklärte Angela Merkel wenig später in ihrem Fernsehduell mit Martin Schulz, der seinerseits im Brustton einer Selbstverständlichkeit erklärte, der Islam sei eine Religion wie jede andere auch. Ein Beweis für ihre Behauptung haben weder CDU, SPD, Grüne oder Linke in den letzten eineinhalb Jahrzehnten, seit 09/11 erbracht. Aber so wird das nicht funktionieren, warnt sie nun der Generalsekretär der größten Muslimvereinigung Indonesiens und fordert: man muss das Problem benennen und sagen, wer und was dafür verantwortlich ist. Der indonesische Muslim stellt fest: zu viele Muslime sehen die Zivilisation, das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedenen Glaubens, als etwas an, das bekämpft werden muss, und ich glaube, dass viele Europäer das spüren. In Berlin allerdings ist von einem Gespür für dieses Gespür nichts zu spüren – was die Regierung angeht. Vielleicht, wenn sie schon nicht der islamischen Aufklärung zuhört, diese Regierung, sollte sie wenigstens zur Kenntnis nehmen, wie die Jihadisten selbst bestätigen, was die muslimische Aufklärung sagt. 

In den Briefen, die die Selbstmordattentäter vom Brüsseler Flughafen, Karim und Ibrahim El-Bakraoui hinterlassen haben, erkennt man, welche Brisanz diese koranische Gegenüberstellung von moralische überlegenen, gottgewollten, muslimischen Gläubigen und moralisch minderwertigen, zur Hölle verdammten Ungläubigen für sie hatte. Wie bestimmend die Sicht des 7. Jahrh. für ihr Verhalten im Heute war. Eine Folge der immer noch ausbleibenden Kontextualisierung des Korans für die breite Masse der Gläubigen. In einem der Briefe der Bakraoui Brüder steht: „Für diese Leute, da muss man Hass empfinden, denn es sind Ungläubige. Sie wollen nicht an Allah glauben. Als erstes musst Du sie verabscheuen, und zweitens muss man ihnen den Krieg erklären.“

Und Dabiq, das Propagandaorgan des IS, stellte im Juli 2016 unter der Überschrift „Warum wir Euch hassen“ klar, dass anders als die Todenhöfers und Käßmanns, aber auch Linke gern behaupten, nicht die Interventionen des Westens das Hauptmotiv für die Bekämpfung der westlichen Zivilisation sind. Dabiq schreibt: „Wichtig zu verstehen ist, dass selbst wenn bestimmte Leute behaupten, dass Eure Außenpolitik den Ursprung unseres Hasses bildet, dieser Grund zweitrangig ist, weshalb wir ihn nur am Ende unserer Liste bringen. In Wirklichkeit, selbst wenn Ihr aufhört uns zu bombardieren, einzusperren, zu foltern und zu diffamieren, und unsere Territorien wegzunehmen, werden wir Euch weiterhin verabscheuen, denn der Hauptgrund dieses Hasses wird nicht wegfallen, solange Ihr Euch nicht den Islam zu eigen gemacht haben werdet.“Soweit die Propagandazeitschrift des Islamischen Staates. War der Tod einst ein Meister aus Deutschland, wie es in der Todesfuge von Paul Celan heißt, so ist die Verleugnung des Todes aus dem Islam heute ein Meister in Deutschland. Das wird dem Gedenken an die Opfer nicht gerecht.

Kundgebung Berlin gegen Islamismus

19.12.2017